Hausgottesdienst am Sonntag Judika, 29. März 2020

St. Johannis-Gemeinde Köln-Bonn-Aachen

Bevor es losgeht:

Wir suchen in der Wohnung einen ruhigen, bequemen Ort.

Wir zünden eine Kerze an.

Wir werden still.

Persönliches Gebet:

Herr, sprich Dein ewiges Wort in uns hinein und lass es uns hören.

Herr, gib Dein Licht in unsre Seelen und lass es uns schauen.

Herr, präge uns Dein Bild ein und lass es uns ewig bewahren.

Herr, wirke Dein Werk in uns und lass es uns dankbar empfangen. Amen.

Einleitung zum Sonntag:

 

„Judika“ – Schaffe mir Recht – heißt dieser Sonntag. Mit ihm beginnt die Passions-

zeit im engeren Sinne (kein „Ehre sei dem Vater...“ nach dem Psalm). Leitbild an

 

diesem Sonntag ist das „Lamm Gottes“: in der Epistel ist die Rede von Jesus als

dem, der freiwillig sein Leben für uns hingab im Gehorsam an Gott, im Evangelium

redet er selbst davon, dass er sein Leben hingibt als „Lösegeld für die Vielen“, das

meint biblisch „für alle“. Durch seinen Leidensweg dient er den Menschen, indem er

ihnen den Weg zu Gott neu eröffnet – auch heute wieder, indem er sein Wort an uns

richtet und uns neu seiner Liebe und Treue versichert.

Wir feiern + im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Lied: Herr, stärke ich, Dein Leiden zu bedenken (ELKG 71 / EG 91)

1. Herr, stärke mich, Dein Leiden zu bedenken,

mich in das Meer der Liebe zu versenken,

die Dich bewog, von aller Schuld des Bösen / uns zu erlösen.

2. Vereint mit Gott, ein Mensch gleich uns auf Erden

und bis zum Tod am Kreuz gehorsam werden (Phil. 2,8),

an unsrer statt, gemartert und zerschlagen, / die Sünde tragen:

3. welch wundervoll hochheiliges Geschäfte!

Sinn ich ihm nach, so zagen meine Kräfte,

mein Herz erbebt; ich seh und ich empfinde / den Fluch der Sünde.

5. Er schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder,

es stürzt mich tief und es erhebt mich wieder,

lehrt mich mein Glück, macht mich aus Gottes Feinde / zu Gottes Freunde.

Rüstgebet:

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

„Schaffe mir Recht, Gott.“ Diese Bitte hat diesem Passionssonntag den Namen ge-

geben. Unrecht gibt es genug auf der Welt, Unrecht, das wir leiden müssen, und Un-

recht, das wir anderen tun. Beides bringen wir vor Gott und bitten ihn um Heilung und

 

Vergebung:

 

Barmherziger Gott und Vater, schaffe Recht zwischen Dir und uns, zwischen den

 

Menschen, die uns Unrecht zugefügt haben und denen, denen wir Unrecht getan ha-

ben. In Deinem Sohn Jesus Christus hast Du Versöhnung geschaffen und allen Streit

 

geschlichtet. Darum bitten wir Dich um Vergebung und um Heilung unserer Beziehung

 zu Dir und zu anderen Menschen. Amen.

 

Psalmgebet (Introitus – ELKG 028, S. 101):

Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache und errette mich!

Denn Du bist der Gott meiner Stärke. (Psalm 43,1-2a)

Warum muss ich so traurig gehen,

wenn mein Feind mich dränget?

Sende Dein Licht und Deine Wahrheit, dass sie mich leiten

und bringen zu Deinem heiligen Berg und zu Deiner Wohnung,

dass ich hineingehe zum Altar Gottes,

zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist.

Was betrübst du dich, meine Seele,

und bist so unruhig in mir?

Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,

dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. (Psalm 43,2b.3-5)

(Kein „Ehre sei dem Vater...)

Gebet des Tages:

 

Herr Jesus Christus, Du bist auf dieser Welt den Weg der dienenden Liebe gegan-

gen. Wir Menschen sind Deine Passion, Du hast Deine Leidenschaft für uns mit dem

 

Leben bezahlt. Lass uns Dir dienen, wie Du es verdienst, voll Liebe und mit einem

großen Herzen. Darum bitten wir Dich, der Du mit dem Vater und dem Heiligen Geist

lebst und regierst in Ewigkeit. Amen.

Lesung aus den Apostelbriefen des Neuen Testaments (Epistel):

Die Epistel steht im Hebräerbrief im 5. Kapitel.

7 Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem

Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er

ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. 8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn

war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. 9 Und als er vollendet war, ist er für

alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden. (Hebr. 5,7-9)

Lied: O Mensch, bewein dein Sünde groß (ELKG 54 / EG 76)

1. O Mensch, bewein dein Sünde groß,

darum Christus seins Vaters Schoß / äußert und kam auf Erden (Phil. 2,7);

von einer Jungfrau rein und zart

für uns er hier geboren ward, / er wollt der Mittler werden.

Den Toten er das Leben gab / und tat dabei all Krankheit ab (Mt. 8,16+17),

bis sich die Zeit herdrange,

dass er für uns geopfert würd, / trüg unsrer Sünden schwere Bürd

wohl an dem Kreuze lange.

 

2. So lasst uns nun ihm dankbar sein,

dass er für uns litt solche Pein, / nach seinem Willen leben.

Auch lasst uns sein der Sünde feind,

weil uns Gotts Wort so helle scheint, / Tag, Nacht danach tun streben,

die Lieb erzeigen jedermann, / die Christus hat an uns getan

mit seinem Leiden, Sterben.

O Menschenkind, betracht das recht, / wie Gottes Zorn die Sünde schlägt,

tu dich davor bewahren!

Lesung aus den Evangelien:

Das Evangelium zum Sonntag Judika lesen wir bei Markus im 10. Kapitel:

35 Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, gingen zu Jesus und sprachen:

Meister, wir wollen, dass Du für uns tust, um was wir Dich bitten werden. 36 Er sprach

zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? 37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass

wir sitzen einer zu Deiner Rechten und einer zu Deiner Linken in Deiner Herrlichkeit.

 

38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trin-

ken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?

 

39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet

zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich

getauft werde; 40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht

mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 42

 

Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, hal-

ten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. 43 Aber so ist es un-

ter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44

 

und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 45 Denn auch der

Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er

diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. (Markus 10,35-45)

Glaubensbekenntnis:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

empfangen durch den Heiligen Geist,

geboren von der Jungfrau Maria,

gelitten unter Pontius Pilatus

gekreuzigt, gestorben und begraben,

hinabgestiegen in das Reich des Todes,

am dritten Tage auferstanden von den Toten,

aufgefahren in den Himmel;

er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;

von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,

die heilige christliche Kirche,

Gemeinschaft der Heiligen,

Vergebung der Sünden,

 

Auferstehung der Toten

und das ewige Leben. Amen.

Lied: Jesu, Deine Passion (ELKG 67 / EG 88)

1. Jesu, Deine Pas-si-on / will ich jetzt bedenken;

wollest mir vom Himmelsthron / Geist und Andacht schenken.

In dem Bilde jetzt erschein, / Jesu, meinem Herzen,

wie Du, unser Heil zu sein, / littest alle Schmerzen.

2. Meine Seele sehen mach / Deine Angst und Bande,

Deine Schläge, Deine Schmach, / Deine Kreuzesschande,

Deine Geißel, Dornenkron, / Speer- und Nägelwunden,

Deinen Tod, o Gottessohn, / der mich Dir verbunden.

3. Aber lass mich nicht allein / Deine Marter sehen,

lass mich auch die Ursach fein / und die Frucht verstehen.

Ach, die Ursach war auch ich, / ich und meine Sünde:

diese hat gemartert Dich, / dass ich Gnade finde.

4. Jesu, lehr bedenken mich / dies mit Buß und Reue;

hilf, dass ich mit Sünde Dich / martre nicht aufs neue.

Sollt ich dazu haben Lust / und nicht wollen meiden,

was du selber büßen musst / mit so großem Leiden?

Predigt

Hebräer 13,12-14:

12 Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem

Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.

14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

1.

Liebe Gemeinde, mehr als 60 Geistliche sind in Italien schon am Coronavirus verstorben.

Wer jetzt Kranke und Sterbende begleiten will, riskiert sein Leben. Weltweit Aufsehen erregt

hat dabei letzte Woche besonders das Schicksal von Pater Giuseppe Berardelli, der seine

Nächstenliebe mit dem Leben bezahlte. Der 72jährige Priester lebte in Bergamo, der Region

Italiens, die am schwersten von der Coronavirus-Epidemie betroffen ist. Auch er hatte sich

mit dem Virus infiziert und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Die Krankenhäuser in der

Region sind zur Zeit komplett überlastet. Die vorhandenen Beatmungsgeräte reichen nicht

für alle Patienten. Darum hatte der Priester vorgeschlagen, den Apparat an einen jüngeren

– ihm nicht bekannten – Patienten weiterzugeben. Sein Verzicht für diesen Mann bezahlte

der Priester wenig später mit seinem Leben.

So eine Opferbereitschaft ist beeindruckend. Von vielen wird er jetzt als „Held“ gefeiert. In

 

einer Zeit, in der sich bei uns mancherorts Menschen um die letzten Packungen Toiletten-

papier in den Supermärkten prügeln, ist das ein leuchtendes Gegenbeispiel gelebten Glau-

bens.

 

Hier hat einer Ernst gemacht damit, dass unser aller Leben – ganz gleich, ob wir Christen

sind oder nicht – immer ein „verdanktes“ ist. Wir haben es uns nicht selbst geschaffen oder

verdient, es wurde uns gegeben. Das ist bereits Grund zur Dankbarkeit – auch wenn die

aktuelle Situation nicht bei jedem von uns zum Jubeln angetan sein mag.

2.

 

Aber gerade solche Situationen können uns das „Verdanktsein“ unseres Lebens noch ein-

mal in besonderer Weise deutlich machen. Denn sie zeigen uns, dass wir nicht mehr im

 

Paradies leben. Unsere Existenz ist zerbrechlich – das merken wir in dieser Krise wieder

recht deutlich und mitunter drastisch. Der „Kampf ums Dasein“ lässt Menschen nicht nur am

 

Supermarktregal zu Raubtieren werden. Wer in solchem Kampf sein Leben von der Evolu-

tions-Ideologie bestimmen lässt, für den kann es konsequenterweise dann auch nur ein

 

„Überleben der Fittesten“ geben. Da wird der „Mensch des Menschen Wolf“, wie schon die

 

alten Römer sagten. Da ist kein Platz für Alte, Kranke, Schwache, für Versager oder Ge-

scheiterte. Damit ist unsere Existenz nicht nur in körperlichem Sinne zerbrechlich, sondern

 

auch im Blick auf unserern Wert und unsere Würde, unsere Achtung und unser Ansehen.

Aber wir sind da, wir dürfen – noch – leben, wir sind geschätzt, geliebt und anerkannt. Ich

hoffe, dass jeder, der das hört oder liest, das so auch durch andere Menschen erfährt. Aber

selbst wenn das nicht so sein sollte: Gott misst uns den höchsten Wert bei. Er hat nicht nur

das Leben geschenkt und dafür gesorgt, dass wir von der Zeugung über die Geburt bis zu

diesem Augenblick bewahrt geblieben sind. Er hat auch unsere Würde bewahrt, indem er

 

alles, was unseren guten Ruf grundlegend zerstört hätte, durch seine Lebenshingabe zu-

nichte gemacht hat. Das meint der Apostel, wenn er hier sagt, Jesus habe unser Leben

 

„geheiligt durch sein eigenes Blut“.

 

Doch er wurde dafür nicht wie ein Held verehrt. Die verantwortlichen Religionsvertreter sei-

ner Zeit hätten ihn niemals „heiliggesprochen“, wie es eines Tages vielleicht Giuseppe Be-

rardelli erleben wird. Sie sahen seine Opferbereitschaft vielmehr als Verdammungsurteil

 

Gottes. Für sie war klar: Wer sich selbst zum Gott macht, den trifft Gottes Fluch. Der hängt

zurecht am Kreuz. Der landet „draußen vor dem Tor“, auf der Müllhalde vor der Stadt, auf

dem Galgenberg außerhalb der Gemeinschaft. Wer so konsequent wie er für das Leben

und die Würde des Menschen, jedes Einzelnen, eintritt, der ist in dieser Welt untragbar, für

den ist hier kein Platz. Schließlich muss Recht doch Recht bleiben. Leben und Anerkennung

 

genießen darf der, der sich an die Gebote hält, der Gottes Willen erfüllt. Alle anderen ver-

dienen ihre gerechte Strafe. Wer fit ist und etwas für die Gesellschaft zu leisten vermag, wer

 

einem systemrelevanten Beruf nachgeht und nicht kriminell ist, der bekommt Beifall, der

muss geschützt und versorgt werden. Wer seine Schatten und Schwächen verbergen kann

und sich geschickt zu inszenieren weiß, der kann sogar Influencer mit zahllosen Followern

werden. Wer das nicht kann, ist ein „Opfer“.

3.

Könnt ihr auf diesem Hintergrund erahnen, was es heißt, zu Jesus „hinauszugehen vor das

Lager und seine Schmach zu tragen“? Ich denke, es wäre viel zu kurz gegriffen, wenn wir

 

darin nur die Aufforderung sehen wollten, als Kirche neue Wege zu beschreiten, aus unse-

ren Mauern herauszugehen und die neuen technischen Möglichkeiten zu nutzen. Das ist

 

nicht verkehrt, und wir bemühen uns in diesen Zeiten verstärkt darum. Weit wichtiger aber

ist, dass wir als Christen eintreten für die, die nicht fit sind und nichts leisten, deren Würde

infrage gestellt oder mit Füßen getreten wird – Ungeborene und Menschen am Rande des

Lebens etwa, Behinderte und Pflegebedürftige, Benachteiligte und Rechtlose, Geflüchtete

und Menschen, die es nicht „geschafft“ haben (oder die nichts geschafft haben). Auch ihr

Leben ist ein „verdanktes“, auch wenn manche, die – noch – fit sind, das nicht so sehen.

Das gilt ebenso für Menschen, die einer anderen Konfession oder Religion angehören oder

die sich als „religiös unmusikalisch“ oder als Atheisten bezeichnen würden. Denn Christus

hat es gerade auf die abgesehen, die weit weg von ihm waren. Darum sollen auch wir zu

 

ihnen nicht auf Abstand bleiben, sondern versuchen, ihnen nahezukommen und Verbinden-

des zu suchen und zu schaffen.

 

Wir alle verdanken unser Leben dem, der sein eigenes Leben nicht geschont hat, der für

sich auf alles verzichtete, was seine Existenz ausmachte. Wir alle waren es ihm wert, sein

Leben für uns dranzugeben – das ist unser Wert und unsere Würde. Seine „Schmach“ ist

unsere Ehre, denn indem er sich ausgrenzen ließ, hat er unsere „Einbürgerung“ in Gottes

 

Reich erwirkt. Entsprechend können wir nicht mehr „die da oben“ und uns gegeneinander-

stellen oder „die Ausländer“ oder irgendwelche „Anderen“ sonst. Solche „Lagermentalitäten“

 

passen nicht zu solchen, die Christus „geheiligt“, also aus dem Lager des Widersachers

Gottes befreit hat.

4.

Um Aufbruch geht es also und um Brückenbau, wenn wir in dieser Passionszeit den Weg

 

hinter Jesus her gehen wollen. Im Moment gehört „Zuhause bleiben“ zum neuen „Hinausge-

hen“. Aber dabei wird es nicht bleiben. Dabei geht es nicht darum, dass wir die Eltern und

 

Großeltern wieder besuchen können und Freunde treffen dürfen, dass wir ins Restaurant

gehen oder ohne lange Schlangen einkaufen gehen können. Die „zukünftige Stadt“, die wir

suchen, ist nicht die Spaßgesellschaft von vor der Corona-Krise, und der Aufbruch bezieht

sich nicht auf die eigenen vier Wände, auf die wir jetzt eingegrenzt sind.

Gerhard Tersteegen, dessen 250. Todestages wir vor einem Jahr gedacht haben, hat ein

Pilgerlied gedichtet. Dabei sieht er unser Leben als eine Wanderung hin zur Ewigkeit in

Gottes Reich. In diesem Lied heißt es:

 

„Geht’s der Natur entgegen, / so geht’s gerad und fein; / die Fleisch und Sinnen pfle-

gen, / noch schlechte Pilger sein. / Verlasst die Kreatur / und was euch sonst will bin-

den; / lasst gar euch selbst dahinten, / es geht durchs Sterben nur.

 

Man muss wie Pilger wandeln, / frei, bloß und wahrlich leer; / viel sammeln, halten,

handeln / macht unsern Gang nur schwer. / Wer will, der trag sich tot; / wir reisen

abgeschieden, / mit wenigem zufrieden; / wir brauchen’s nur zur Not“ (ELKG 272,3+4 /

EG 393,3+4).

Christliche Existenz ist ein Unterwegssein. „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Natürlich

möchte ich gerne meinen Platz haben, wissen, wo ich hingehöre, sicher und geborgen sein.

Und natürlich möchte ich Treue und Verlässlichkeit erfahren. Das alles ist nicht verkehrt.

Verkehrt wäre Erstarrung, Verhärtung, Stagnation. Schließlich wissen wir alle, dass nichts

bleibt, wie es ist. Doch das muss nicht bedrohlich oder deprimierend sein. Für die meisten

Menschen auf dieser Erde ist die Ansage, dass wir hier „keine bleibende Stadt“ haben, im

Gegenteil tröstlich und ermutigend, weil sie in Verhältnissen leben, in denen ihnen diese

Ansage Hoffnung macht, dass sich etwas ändern kann. Die Alternative zum Verlust ist in

diesem Bibelwort kein krampfhaftes Festhalten am Vergehenden, sondern ein Sich-Öffnen

für die Zukunft. Auf dem Weg dahin bisweilen stehenzubleiben, ist keineswegs verwerflich.

 

Denn wir brauchen Atempausen unterwegs, Haltestellen, Rastplätze, Wegzehrung, um wie-

der weitergehen zu können. Aber wir sollen dabei das Ziel nicht aus dem Auge verlieren:

 

die zukünftige Stadt, das himmlische Jerusalem. Da wird alles Dunkle überwunden sein,

das jetzt zu unserer Existenz gehört: der Schmerz, der Abschied, die Tränen, die Angst, ja

 

sogar der Tod. Denn auch das Reich der Toten ist keine bleibende Stadt. Das „neue Jeru-

salem“ dagegen ist ewig. Diese zukünftige Stadt ist ein Ort ohne quälende Fragen und Zwei-

fel, ein Ort der Klarheit und des Lichts. Sie ist ein Ort der Freude an der neuen Schöpfung,

 

am Wiedersehen mit geliebten Menschen, am Leben in der Gegenwart Gottes. Dahin sind

wir unterwegs auf unserem Pilgerweg durch dieses Leben.

Dieser Weg ist keine unübersehbar ausgeschilderte Autobahn. Er führt durch unwegsames

Gelände, sodass ihn auch kein Navi kennt. Der Apostel hier meint, dass wir ihn „suchen“.

Wir sind also da, wo wir in unserem Leben jetzt gerade sind – leiblich, geistig und geistlich

–, noch nicht am Ziel. Wir sind weder im Besitz einer exakten Landkarte noch haben wir

sonst die „Wahrheit“ schon als festen Besitz in der Tasche. Aber das soll uns gerade nicht

dazu verleiten, alles grau in grau zu sehen und in Gleichgültigkeit und Lethargie zu verfallen,

im Gegenteil. Der Hinweis auf die Vorläufigkeit und Vergänglichkeit befördert vielmehr ein

realistisches Weltbild, ein Weltbild, das dazu verhilft, sich nicht an diese Zeit und Welt zu

verlieren, weil sie noch nicht alles ist, das Kind aber auch nicht mit dem Bade auszuschütten,

sondern alles Gute von Gott zu erwarten und zu empfangen und das Geschenk des Lebens

anzunehmen.

 

5.

Aufbruch und Brückenbau: Als Christen leben wir in dieser Spannung, dass wir mit beiden

Beinen auf der Erde stehen und das Leben im Hier und Jetzt annehmen und gestalten,

zugleich aber darum wissen, dass sich dieses Leben nicht in den Grenzen dieser Zeit und

 

Welt erschöpft. Dabei wissen wir, dass die Suche nach der zukünftigen Stadt nicht ein ver-

zweifelt-hektisches Fahnden nach dem Sinn und Glück unserer irdischen Existenz sein

 

muss. Vielmehr ist die zukünftige Stadt längst gebaut und lässt sich hinter Jesus her sicher

finden.

So gewinnt unser Leben an schier unglaublicher Weite, auch wenn wir jetzt weitgehend

eingeschränkt sind auf die eigene Wohnung. Wir müssen uns nicht an die Erlebnisse und

 

Erfahrungen unserer Welt verlieren – indem wir so mit Haut und Haaren ins Leben eintau-

chen, dass er, Gott, außen vor bleibt. Wir müssen uns aber auch nicht herunterziehen las-

sen von Leid, Enttäuschung, Ärger und Ohnmacht und uns in lauter Schmerz, Not und Elend

 

verschließen, sodass ihm der Zugang verwehrt bleibt. In Freud und Leid ist dieser Botschaf-

ter der zukünftigen Stadt der Garant unserer Zukunft: in ihm und in ihm allein kommt unser

 

Leben zum Ziel: anfänglich in diesen und jenen Schritten in dieser Zeit und Welt, abschlie-

ßend und endgültig in jenem Stadtleben der Ewigkeit. Amen. © Gerhard Triebe, Pfr.

 

Lied: Sein Kreuz und seinen Frieden (ELKG 535 / EG -/-)

Melodie: O Welt ich muss dich lassen

1. Sein Kreuz und seinen Frieden / hat uns der Herr beschieden

In dieser armen Welt.

Was er uns hinterlassen, / das wollen wir erfassen,

wie’s seinem weisen Rat gefällt.

2. Wohl ist sein Kreuz oft drückend; / doch wie so sehr erquickend

Ist seines Friedens Wehn!

Wir dürfen nicht verzagen, / in allen unsern Plagen

Will er ja treulich bei uns stehn.

3. Und wie er war auf Erden, / so sind auch seine Herden,

die er mit Blut erkauft;

Sie sind auf seine Leiden / zu gleichem Kampf und Streiten,

sie sind auf seinen Tod getauft.

4. Doch durch sein Blutvergießen / wollt er uns ganz erschließen

Sein ewges Friedensreich.

Er hat, da er gestorben, / den Frieden uns erworben,

dem nichts auf dieser Erde gleich.

5. So gehn auch wir durch Kriege, / durch Kreuz und Not zum Siege,

durch Tod zum Leben ein,

und auf den rauen Wegen / erblüht uns ewger Segen;

das Schwerste muss uns nützlich sein.

Fürbittgebet

Wir tragen unsere Hoffnungen vor Gott. Wir haben hier keine bleibende Stadt – so

bitten wir um Gottes Geleit für uns alle, um Gottes Beistand für die Zögerlichen, um

Gottes Ermutigung für die Furchtsamen, um Gottes Hilfe für die Unsicheren.

Herr, erbarme Dich.

 

Gott ist Ursprung und Ziel unseres Lebens – so bitten wir darum, dass er unsere Schrit-

te lenke, dass wir seine Worte wachen Herzens hören, dass wir uns seinem Wirken

 

öffnen, dass wir Zeugen der Liebe Gottes werden.

Herr, erbarme Dich.

Wir leben allein aus Gottes Hand – so bitten wir um Frieden auf Erden zwischen den

Völkern, in den Herzen der Mächtigen, in den Häusern der Armen.

Herr, erbarme Dich.

Wir leben nicht allein – so bitten wir darum, dass sich die Kinder auf die Liebe und

Fürsorge der Erwachsenen verlassen können, dass die Würde der Menschen

unangetastet bleibt, dass die Ehrlichen nicht als die Dummen gelten, dass der Glaube

nicht verhöhnt und die Religion nicht missbraucht wird.

Herr, erbarme Dich.

Ohne Gottes Beistand sind wir verloren – so bitten wir darum, dass die Flüchtlinge

Hilfe und Obdach finden, dass die Kranken genesen, die Trauernden Trost finden und

die Sterbenden Frieden finden in ihm, dass die Politiker und Wissenschaftler Wege

aus der Krise finden und dass Gottes Engel schützen und retten.

Herr, erbarme Dich.

Allmächtiger, barmherziger Gott, durch die Lebenshingabe Deines Sohnes hast Du

uns Einbürgerung in das himmlische Jerusalem erwirkt. Hilf uns, auf seinem Weg zu

beiben und in Liebe und Geduld für andere dazusein. Schenk uns durch Deinen Geist

Kraft und Mut zu Aufbruch und Brückenbau. Darum bitten wir Dich durch Jesus

Christus, Deinen Sohn, unsern Herrn, der mit Dir in der Einheit des Heiligen Geistes

lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen.

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille

geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib

uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in

Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die

Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Lied: Kommt, Kinder, lasst uns gehen (ELKG 272 / EG 393)

6. Kommt, Kinder, lasst uns gehen, / der Vater gehet mit;

er selbst will bei uns stehen / bei jedem sauren Tritt;

er will uns machen Mut,

mit süßen Sonnenblicken / uns locken und erquicken;

ach ja, wir haben’s gut, / ach ja, wir haben’s gut.

Segen

Der Gott der Hoffnung erfülle euch

mit aller Freude und Frieden im Glauben,

dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung

durch die Kraft des heiligen Geistes. Amen. (Römer 15,13)

 

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HausGD 29.03.2020


Geistige Impulse während der Coronakrise

 

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Predigt zum Palmsonntag - Mk. 14,3-9

 

 

Tondatei bearbeitet durch Herr Bursinsky / Köln.

Das Glockengeläut am Anfang ist von der Düsseldorfer SELK-Gemeinde.