Kleiner Hausgottesdienst zum Palmsonntag

Die Predigt - auch als PDF-Datei

 

 Hausgottesdienst am Palmsonntag, 5. April 2020

St. Johannis-Gemeinde Köln-Bonn-Aachen

Bevor es losgeht:

Wir suchen in der Wohnung einen ruhigen, bequemen Ort.

Wir zünden eine Kerze an.

Wir werden still.

Persönliches Gebet:

Allmächtiger Gott, Du lässt uns das Leiden und Sterben Deines Sohnes zu unserm Heil verkündigen.

Wir bitten Dich: Gib uns ein offenes Herz, dass wir seine Liebe und seinen Gehorsam erkennen und ihm nachfolgen. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

Einleitung zum Sonntag:

Am Palmsonntag wird nach dem 1. Advent im Kirchenjahr zum zweiten Mal – einzig-artig im Kirchenjahr – das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem gelesen. Nicht auf einem Schlachtross reitet er ein, sondern, wie es beim Propheten Sacharja angekündigt war, auf einem Esel. „Das verstanden seine Jünger zuerst nicht“, heißt es im Evangelium. Jesus durch-kreuzt unsere Vorstellungen von einem Befreier und Ret-ter. Das macht auch das große Christuslied in der Epistellesung deutlich. Es beschreibt den „Königsweg“ des Gottessohnes, der zur Verherrlichung durch die tiefste Erniedrigung führt: „..und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“ Nur wenige erkannten das – wie die Frau, die den Todgeweihten wie einen König salbte.

Wir feiern + im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Lied: Seele, mach dich heilig auf (ELKG 68 / EG -/-)

Melodie: Jesu, Deine Passion

1. Seele, mach dich heilig auf / Jesus zu begleiten;

gen Jerusalem hinauf, / tritt Ihm an die Seiten!

In der Andacht folg Ihm nach / zu dem bittern Leiden,

bis du aus dem Ungemach / zu ihm wirst abscheiden.

2. Du ziehst als ein König ein, / wirst dafür empfangen,

aber Bande warten Dein, / Dich damit zu fangen.

Für die Ehre Hohn und Spott / wird man Dir, Herr, geben,

bis Du durch des Kreuzestod / schließen wirst Dein Leben.

3. Das Kreuz ist der Königsthron, / drauf man Dich wird setzen,

Dein Haupt mit der Dornenkron / bis in‘ Tod verletzen.

Jesu, Dein Reich auf der Welt / ist ja lauter Leiden;

so ist es von Dir bestellt / bis zum letzten Scheiden.

4. Du wirst, Herr der Herrlichkeit, / ja wohl müssen sterben,

dass des Himmel Ewigkeit / ich dadurch mag erben.

Aber ach, wie herrlich glänzt / Deine Kron von ferne,

die Dein siegreich Haupt bekränzt / schöner als die Sterne!

5. Lass mich diese Leidenszeit / fruchtbarlich bedenken,

voller Andacht, Reu und Leid / mich darüber kränken.

Auch Dein Leiden tröste mich / bei so vielem Jammer,

bis nach allem Leiden ich / geh zur Ruhekammer.

Rüstgebet:

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Palmsonntag – Jesus zieht in Jerusalem ein. Er will auch bei uns Einzug halten und uns mitnehmen auf seinen Weg. Damals legten ihm die Menschen Palmzweige und Kleider vor die Füße. Wir bringen ihm, dem armen Friedenskönig, all das, was nicht zu ihm und seiner Liebe passt. Ihm bekennen wir unsere Schuld und bitten ihn um Vergebung:

Allmächtiger, barmherziger Gott und Vater, Du weißt, wie oft wir den Weg der Macht gewählt und den Weg der Liebe verlassen haben. Du kennst unsere Angst vor Un-recht, Leid und Unterliegen. Doch Dein Sohn hat den Weg der Liebe durchgehalten bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz und wurde von Dir erhöht und zum Herrn gemacht über alles. Er ist stärker als Schuld und Tod. Darum bitten wir Dich um Vergebung und um Kraft und Mut, ihm auf seinem Weg zu folgen. Amen.

Psalmgebet (Introitus – ELKG 029, S. 103):

Hosianna dem Sohne Davids.

Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRen! (Matthäus. 21,9)

HERR, verbirg Dein Angesicht nicht vor Deinem Knechte,

denn mir ist angst; erhöre mich eilends.

Ich warte, ob jemand Mitleid habe, aber da ist niemand,

und auf Tröster, aber ich finde keine.

Ich bin elend und voller Schmerzen.

Gott, Deine Hilfe schütze mich!

Ich will den Namen Gottes loben mit einem Liede

und will ihn hoch ehren mit Dank.

Die Elenden sehen es und freuen sich,

und die Gott suchen, denen wird das Herz aufleben. (Psalm 69,18.21.30.31.33)

(Kein „Ehre sei dem Vater…)

Gebet des Tages:

Ewiger Gott, Dein Sohn ist in Jerusalem eingezogen, um dort für uns aus freiem Wil-len den Tod auf sich zu nehmen. Hilf uns, ihm auf dem Weg der Liebe zu folgen und das wahre Leben zu finden durch ihn, Christus, unseren Herrn, der mit Dir in der Ein-heit des Heiligen Geistes lebt und für uns da ist in alle Ewigkeit. Amen.

Lesung aus den Apostelbriefen des Neuen Testaments (Epistel):

Die Epistel steht im Brief an die Philipper im 2. Kapitel.

Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:

Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und

ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott er-höht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. (Phil. 2,5-11)

Lied: Du großer Schmerzensmann (ELKG 66 / EG 87)

1. Du großer Schmerzensmann, / vom Vater so geschlagen,

Herr Jesu, Dir sei Dank / für alle Deine Plagen:

für Deine Seelenangst, / für Deine Band und Not,

für Deine Geißelung, / für Deinen bittern Tod.

2. Ach das hat unsre Sünd / und Missetat verschuldet,

was Du an unsrer Statt, / was Du für uns erduldet.

Ach unsre Sünde bringt / Dich an das Kreuz hinan;

o unbeflecktes Lamm, / was hast Du sonst getan?

3. Dein Kampf ist unser Sieg, / Dein Tod ist unser Leben;

in Deinen Banden ist / die Freiheit uns gegeben.

Dein Kreuz ist unser Trost, / die Wunden unser Heil,

Dein Blut das Lösegeld, / der armen Sünder Teil.

Lesung aus den Evangelien:

Das Evangelium zum Palmsonntag lesen wir bei Johannes im 12. Kapitel:

Als die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte. Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach. (Johannes 12,12-19)

Glaubensbekenntnis:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus

gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes,

am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Lied: Du großer Schmerzensmann (ELKG 66 / EG 87)

4. O hilf, dass wir auch uns / zum Kampf und Leiden wagen

und unter unsrer Last / des Kreuzes nicht verzagen;

hilf tragen mit Geduld / durch Deine Dornenkron,

wenn’s kommen soll mit uns / zum Blute, Schmach und Hohn.

5. Dein Angst komm uns zugut, / wenn wir in Ängsten liegen;

durch Deinen Todeskampf / lass uns im Tode siegen;

durch Deine Bande, Herr, / bind uns, wie Dir’s gefällt;

hilf, dass wir kreuzigen / durch Dein Kreuz Fleisch und Welt.

6. Lass Deine Wunden sein / die Heilung unsrer Sünden,

lass uns auf Deinen Tod / den Trost im Tode gründen.

O Jesu, lass an uns / durch Dein Kreuz, Angst und Pein

Dein Leiden, Kreuz und Angst / ja nicht verloren sein.

Predigt

Markus 14,3-9:

3 Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goß das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat. (L 2017)

Liebe Gemeinde, die Fragen und Entscheidungen in der aktuellen Corona-Krise bündeln wie mit einer Linse, was unser Denken und unsere Welt bestimmt. Im Augenblick sind wir noch relativ gut dran, wenn wir unsere Situation mit der in Italien oder Spanien vergleichen. Aber wir brauchen nur auf die Seniorenheime in Würzburg und Wolfsburg zu schauen, um zu erkennen: Auch bei uns ist die Lage dramatisch, und die Folgen der Krise sind unabsehbar. Das betrifft die Zahl der infizierten, die Zahl derer, die dabei eine intensiv-medizinsiche Behandlung brauchen, die Zahl derer, die diese Krankheit nicht überleben – und am Ende auch die wirtschaftlichen Folgen.

Wir alle leiden unter der Situation, auch wenn wir noch nicht erkrankt sind. Aber jeder von uns ist betroffen von den Einschränkungen des öffentlichen Lebens, der Kontaktverbote. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, viele Selbständige und Unternehmer machen sich Sorgen, ob sie die finanziellen Auswirkungen der Krise überstehen werden. Die Familien, die nun mit Arbeit und Kinderbetreuung auf engstem Raum zusammengepfercht sind, ächzen unter der Mehrfachbelastung und sehnen sich nach Freiräumen.

So ist es nur zu verständlich, dass die Fragen immer lauter werden, wann wir denn wieder zur „Normalität“ zurückkehren können. Dabei rechnen uns die Wirtschaftsinstitute vor, wie groß der volkswirtschaftliche Schaden jeweils ist, wenn die bestehenden Einschränkungen noch Wochen oder gar Monate fortbestehen.

Neben den Virologen werden so die Mathematiker zu den wichtigsten Beratern der Regierung. Sie müssen berechnen, wie stark die Kurve der Infektionen ansteigen darf, damit es noch für jeden, der lebensbedrohlich erkrankt, ein Beatmungsgerät gibt. Sie berechnen, wie viel länger sich die Krise hinzieht, wenn es gelingt, diese Kurve abzuflachen. Und sie berechnen natürlich auch, wie viele Arbeitslose und wie viele Pleiten es geben wird, wenn die Krise soundso lange andauert.

Und dann werden Kosten-Nutzen-Rechnungen aufgemacht. Das ist das Denken, das unser Leben und unsere Welt ganz massiv bestimmt. Wir fragen danach, was sich wie lohnt, was eigentlich einen Zweck erfüllt und was nicht. Wir haben das in der Vergangenheit schon im Kranken- und Pflegebereich erlebt, wie jeder Handgriff in einem Leistungskatalog verzeichnet und den Pflegekräften genau vorgeschrieben wurde, in welcher Zeit sie ihre Hilfeleistungen vorzunehmen haben und wofür keine Zeit da ist, weil das nichts bringt, weil das von den Versicherungen nicht erstattet wird. In den letzten Tagen ging es immer wieder darum, ob jeder draußen einen Mundschutz tragen soll oder ob die nicht den besonders schutzwürdigen Personen im Kranken- und Pflegebereich vorbehalten bleiben sollen. Und in Italien konnten wir beobachten, wie Ärzte vor die Entscheidung gestellt waren, ob sie die Beatmung eines 80jährigen mit schlechter Prognose fortsetzen oder lieber einen 40jährigen retten wollen.

Immer wieder im Leben kommen wir in Situationen, in denen wir Güterabwägungen treffen müssen, in denen es keine einzig richtige Entscheidung gibt, sondern nur zwei schlechte. Das ist die Situation der klassischen griechischen Tragödie: Manchmal kann man nicht anders als falsch handeln. Am Beispiel der italienischen Ärzte wird das in besonders dramati-scher Weise deutlich.

Weniger dramatisch scheint es in der Geschichte von der Salbung Jesu zu sein, die wir gerade gehört haben. Aber auch da findet eine Güterabwägung statt. Das Öl, das die namenlose Frau da über Jesus ausgießt, hat immerhin einen Wert, der dem in etwa dem Jahresverdienst eines israelitischen Arbeiters entspricht. So ein kostbares Parfüm wurde sonst nur an Königshöfen verwendet. Was diese Frau da tut, ist also eine maßlose Verschwendung.

Verständlich, dass sich Jesu Freunde da aufregen: „Man hätte dieses Geld lieber den Armen geben sollen!“ Schließlich hätten ein paar Tropfen genügt, um die Wertschätzung der Frau zum Ausdruck zu bringen und den ganzen Raum in eine Duftwolke zu hüllen. Mit dem Inhalt des Fläschchens hätte man vielleicht kein Menschenleben retten können, aber ein Armer oder Obdachloser hätte davon durchaus ein Jahr lang leben können. Unter dem Maßstab von Kosten und Nutzen haben die Jünger recht.

Jesus aber nimmt diese Frau in Schutz. Dabei wirbt er nicht um Verständnis für sie, dass sie es doch immerhin gut gemeint habe, wenn es sicher auch deutlich übertrieben gewesen sei. Nicht die leiseste Kritik lässt er erkennen, im Gegenteil! Er lobt die Tat der Frau als ein „gutes Werk“.

Jesus hat offenbar einen ganz anderen Maßstab als unsere Kosten-Nutzen-Rechnungen. Natürlich hat er nichts gegen Sparsamkeit und Augenmaß, und dass die Fürsorge für die

Armen bei ihm einen hohen Stellenwert hat, steht außer Frage. Aber es gibt im Leben Wichtigeres als Zahlen, als wirtschaftliche Effektivität. Es gibt Wichtigeres als Kosten, die durch den Nutzen gerechtfertigt sind.

Wie ist das denn beispielsweise bei einem Geschenk für unsere Liebsten? Natürlich können wir ihnen nicht wirklich „den Himmel zu Füßen legen“. Aber wer von uns würde sich fragen, ob fünf Rosen reichen, um unsere Liebe zum Ausdruck zu bringen? Ob es auch weniger sein könnten oder mehr sein müssten? Wer liebt, hört auf zu rechnen. Er investiert nicht in ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, bei dem ich etwas zahle, um von der anderen Seite etwas zu bekommen. Wer liebt, verschenkt sich selbst mit dem, was er schenkt.

Oft aber bestimmt uns auch in der Kirche das Kosten-Nutzen-Denken. Ich denke dabei nicht nur an die Debatten, wenn es um die Renovierung der Kirche und der Gemeinderäume geht. Natürlich müssen wir da auch darauf achten, was wir uns leisten können und wollen. Dabei werden wir immer auch bedenken, dass Jesus gesagt hat: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!“ (Matth. 25,40) Aber hier geht es noch um etwas anderes. Welcher Maßstab bestimmt unser Denken in der Beziehung mit Jesus? Ich glaube, dass auch da jeder die Versuchung kennt, dem Nutzen und der Effektivität den höchsten Stellenwert einzuräumen. Immer wieder einmal höre ich, dass man dann in die Kirche gehen würde, wenn man das Bedürfnis danach habe. Wenn ich mir also einen persönlichen Nutzen davon verspreche, etwa dass ich mich dann besser fühle, dass ich Klarheit über meinen Weg gewinnen oder getröstet, ermutigt und gestärkt weitergehen kann, dann investiere ich diese Zeit. An den anderen Sonntagen kann Jesus ja warten. Aber auch bei denen, die fast jeden Sonntag da sind, ist manchmal die Frage zu vernehmen: Ginge das nicht alles ein bisschen schneller? Die Geschichten, die da immer gelesen werden, sind doch jahrein jahraus dieselben. Die könnte man doch weglassen und gleich zur Predigt kommen. Und wozu brauchen wir die vielen Strophen, die wir singen? Ein Lied vor und eines nach der Predigt und noch ein kurzes Gebet, das würde doch reichen.

Ja, vielleicht – vielleicht reicht auch eine Rose für die Liebste und es muss nicht gleich ein ganzer Strauß sein. Aber geht es in der Beziehung mit Jesus darum, dass es reicht? Geht es darum, dass wir aus dieser Beziehung einen möglichst hohen Nutzen für uns ziehen? Wenn ich die Frage so stelle, ist die Antwort schon klar. Der Maßstab im Reich Gottes ist nicht ein optimales Verhältnis von Kosten und Nutzen. Der Maßstab ist die Liebe, und die rechnet nicht.

Dieser Maßstab leitete die namenlose Frau in ihrem Handeln, und darum hat Jesus ihr hier gewissermaßen ein Denkmal gesetzt. Wem, wie ihr, die Beziehung zu Jesus Christus und die Gemeinschaft mit ihm das Wichtigste im Leben ist, der zählt weder die Minuten im Gottesdienst noch die Euros im Kollektenkörbchen oder auf dem Überweisungsträger.

 „Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil“, sagt der Psalmbeter (73,25-26). Solche Liebe lässt ihrer Freude und Verehrung freien Lauf. Denn da ist die Gemeinschaft mit ihm schon der Himmel auf Erden. Und da darf dann auch gesungen und musiziert, gemalt und gestaltet werden – und was immer sonst es für Ausdrucksformen dieser Liebe geben mag. Und das muss dann auch nicht wohl abgewogen und dosiert sein, sondern darf durchaus auch verschwenderisch sein.

Mag sein, dass das für manchen ein bisschen überkandidelt klingt. Es dürfte auch nicht von ungefähr sein, dass diese Liebesbekundung nicht von den zwölf Männern kam, die Jesus nun schon seit drei Jahren begleitet hatten, sondern von einer Frau. Für sie ist er der König, das Größte in ihrem Leben. Das bringt sie mit ihrer Salbung zum Ausdruck. Jesus aber deutet diese Salbung als Totensalbung: „Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt zu meinem Begräbnis“ (V.8). Wie bei seinem königlichen Einzug in Jerusalem wenige Tage vorher setzt Jesus dieser königlichen Huldigung hier seine Deutung des Königsamtes entgegen. War er schon nicht hoch zu Ross wie ein siegreicher Feldherr in die Stadt eingezogen, sondern auf

einem Esel, so ruft er auch nach dieser Salbung nicht zum Befreiungskampf gegen die Römer auf, sondern lässt seine Leute wissen, dass er in den Tod geht. Er sagt nicht: Du warst im Irrtum, als du mich gesalbt hast. Aber er sagt: Du hast einen Todgeweihten gesalbt. Es war ein letzter Liebesdienst.

Was hier vorausnehmend im Blick auf Jesu Begräbnis geschehen ist, erweist ihm die Ehre eines Königs, aber eben so, dass diese Königswürde nicht anders gewonnen wird als durchs Kreuz. Nicht Kosten-Nutzen-Berechnungen leiten Jesus auf seinem Weg, sondern die abgrundtiefe und bedingungslose Liebe zu seinen Menschen. Uns zu retten, hat er alles, was er im Himmel hatte, und sein ganzes Leben für uns verschwendet. Selbst der Preis des Kreuzestodes war ihm nicht zu hoch. Diese Liebe ist der Maßstab der im Reich Gottes gilt.

Und was bedeutet das für unsere Güterabwägungen in der Corona-Krise? Es bedeutet Handlungsfähigkeit. Wir kommen in dieser Welt nicht umhin, Kosten-Nutzen-Rechnungen anzustellen, denn wir leben nicht mehr im Paradies. Die Situation in den Krankenhäusern oder in der Wirtschaft könnte uns eines Tages nötigen, die Frage nach dem Wert eines Menschenlebens zu stellen, und es kann sein, dass wir in Situationen kommen, wo wir nur zwischen zwei falschen Entscheidungen wählen können. Dann schütze uns Gott vor den Zynikern, die nur kalt rechnen. Und er präge uns und allen, die dann zu entscheiden haben, das Bild dessen ein, der uns mit seinem Leben freigekauft hat vom Fluch der bösen Tat und uns auch in den Grenzsituationen unseres Lebens nicht im Stich lässt. Amen.

© Gerhard Triebe, Pfr.

Lied: Ich will Dich lieben meine Stärke (ELKG 254 / EG 400)

1. Ich will Dich lieben, meine Stärke, / ich will Dich lieben, meine Zier;

ich will Dich lieben mit dem Werke / und immerwährender Begier.

Ich will Dich lieben, schönstes Licht, / bis mir das Herze bricht.

2. Ich will Dich lieben, o mein Leben, / als meinen allerbesten Freund;

ich will Dich lieben und erheben, / solange mich Dein Glanz bescheint;

ich will Dich lieben, Gottes Lamm, / als meinen Bräutigam.

6. Erhalte mich auf Deinen Stegen / und lass mich nicht mehr irre gehn;

lass meinen Fuß in Deinen Wegen / nicht straucheln oder stillestehn;

erleucht mir Leib und Seele ganz, / Du starker Himmelsglanz!

Fürbittgebet

Barmherziger, ewiger Gott,

getroffen von der großen Not der Corona-Krise in der ganzen Welt, aber eben auch in unserem Land, kommen wir zu Dir. Wir rufen Dich an und bitten Dich um Dein gnädiges Erbarmen.

Blicke auf die vielen Menschen, deren Alltag jetzt massiv belastet ist. Schenke den unzähligen Erkrankten Heilung und den Verzweifelten Hoffnung.

Sei den Leidenden nahe, besonders den Sterbenden. Tröste jene, die jetzt trauern, weil sie Tote zu beklagen haben.

Gewähre den Ärzten und Forschern Weisheit und Energie für neue Impfstoffe und Heilmittel. Gib allen Schwestern und Pflegern Kraft in dieser extremen Belastung.

Schenke den politisch Verantwortlichen Klarheit für richtige Entscheidungen.

Wir danken für alle Frauen und Männer, die gewissenhaft die Versorgung und Infrastruktur unseres Landes aufrecht erhalten.

Wir beten für alle, die in Panik sind oder von Angst überwältigt werden. Wir beten für alle, die großen materiellen Schaden erleiden oder befürchten.

Lieber Vater, wir bringen Dir alle, die in Quarantäne eingeschlossen sind, die sich ein-sam fühlen und niemanden an ihrer Seite haben.

Stärke besonders die Herzen der alten und pflegebedürftigen Menschen, berühre sie mit Deiner Sanftheit und gib ihnen die Gewissheit, dass wir trotz allem miteinander verbunden sind.

Von ganzem Herzen flehen wir, dass die Epidemie abschwillt und dass die medizinischen Einrichtungen und Ressourcen den aktuellen Anforderungen gerecht werden können.

Wir beten, dass die Zahlen der Infizierten und Erkrankten zurückgehen. Und wir hoffen, dass in allen Bereichen bald wieder Normalität einkehren wird.

Gnädiger Gott, mache uns dankbar für jeden Tag, den wir gesund verbringen. Lass uns nie vergessen, dass unser Leben ein zerbrechliches Geschenk ist. Ja, wir sind sterbliche Wesen und können nicht alles kontrollieren.

Du allein bist Ursprung und Ziel von allem, Du allein bist gnädig, barmherzig und von großer Güte.

Dein Heiliger Geist bewahre unsere Herzen in der Dankbarkeit. Getragen von einem tiefen Frieden werden wir die Krise bestehen.

Jesus, Du Herr und Bruder aller Menschen, Deine Gegenwart vertreibt jede Furcht, sie schenkt Zuversicht und macht unsere Herzen bereit, offen und aufmerksam füreinander. Amen.

(bearbeitet von Pfr. i.R. Johannes Dress nach einer Vorlage von Bischof Hermann Glettler, Innsbruck)

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Lied: Warum sollt ich mich denn grämen (ELKG 297 / EG 370)

7. Unverzagt und ohne Grauen / soll ein Christ, wo er ist,

stets sich lassen schauen.

Wollt ihn auch der Tod aufreiben, / soll der Mut dennoch gut

und fein stille bleiben.

8. Kann uns doch kein Tod nicht töten, / sondern reißt unsern Geist

aus viel tausend Nöten,

schließt das Tor der bittern Leiden / und macht Bahn, da man kann

gehn zu Himmelsfreuden.

Segen

Es segne und behüte uns Gott, dessen Macht und Liebe keine Grenzen kennt,

+ der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

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Geistige Impulse während der Coronakrise

 

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