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© Ferdinand, Pixelio

ist das Erntedankfest nur noch eine Art von kirchlicher Folkloreveranstaltung? Kaum einer von uns arbeitet noch in der Landwirtschaft. Die Früchte und alle anderen Gaben, die wir an diesem Sonntag zum Altar bringen, haben wir zumeist irgendwo gekauft. Und doch ist es gut und sinnvoll, dass wir uns wenigstens einmal im Jahr (auch) in der Kirche daran erinnern lassen, dass alles Essen, das wir zu uns nehmen, eine Gabe aus Gottes guter Schöpfung ist, auch wenn wir die Herkunftswege aus der Natur nicht unbedingt mehr ganz zurückverfolgen können. Wir wollen ja die Früchte, die wir geerntet haben – sei es im Garten, auf dem Felde, im Weinberg, in unserem Beruf oder auch in der großen Politik – nicht gedankenlos oder voller Stolz auf unsere Leistung genießen. Wir wollen ja nicht nur ein Erntefest feiern, sondern Erntedankfest. Darum kommt es entscheidend darauf an, wie wir die Dinge ansehen, die wir „geerntet“ haben: Stellen wir beruhigt fest, dass unser Leben wieder einmal für ein Jahr gesichert ist, oder empfinden wir darüber hinaus, dass darin das JA Gottes zu seiner Schöpfung und zu uns liegt?

„Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut“, sagt Paulus (1.Tim. 4,4). Das ist kein Satz einer theoretischen Weltanschauung. Er beruht auf der persönlichen Begegnung Gottes mit uns. Nur wer Gott kennengelernt hat als den Vater Jesu Christi, als den also, der uns trotz unserer Eigensinnigkeit und Undankbarkeit auf der Spur bleibt bis zur Hingabe seines Lebens, nur wer in der Vergebung immer wieder erfährt, dass Gott ihn nicht abgeschrieben hat, nur der wird Gottes Wohltaten auch noch in den Entstellungen und Verunstaltungen erkennen können, die die Geschichte der Revolution gegen ihn und seinen Willen mit all ihren Folgen in die Welt eingebracht hat. Schöpfungsglaube ist darum nur im Ganzen des christlichen Glaubens und Hoffens durchzuhalten. Ich muss wissen, dass der Schöpfer und der Erlöser ein und derselbe Gott ist. Am Kreuz ist es offenbar geworden, dass Gott diese Welt will, dass er auch unser Leben will. Und indem er es bei uns wieder hat wachsen und reifen lassen, empfangen wir seine schaffende, erhaltende, uns erfreuende Liebe.

Wir haben es also nicht nur mit Dingen zu tun, die wir selber produziert hätten, sondern mit einem Geber, dem unser Dank gilt – jeden Tag. Er ist der Schöpfer auch in jedem Schlag meines Herzens und in jedem meiner Atemzüge. Die Natur ist kein blindes Geschehen, das in sich selbst besteht und funktioniert, das seine Gesetzmäßigkeiten hat, aber von niemandem bedacht, geordnet oder gesteuert wäre. Hinter dem Geschöpf steht den Schöpfer, hinter der Gabe den Geber, hinter der Geschichte der, der „im Regimente sitzt und alles wohl führt“ (ELKG 294,7).

Eine gesegnete Erntedankzeit wünscht Ihnen

Ihr/Euer Gerhard Triebe, P.

 

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